1 Woche Trauer: TRANSRAPID

VON Dr. Wolf SiegertZUM Freitag Letzte Bearbeitung: 22. Oktober 2007 um 18 Uhr 31 Minuten

 

Wie schnell die Todesfallen selbst im Falle eines angeblich super-sicheren Tansrapid zuklappen können, das hat uns in der Freitag vergangener Woche mit den über zwanzig Toten auf der Versuchsstrecke im Emsland mit dramatischer Schärfe bewiesen.

Da der deutsche Verkehrsminister in diesen Tagen in der Volksrepublik China weilte, hatte sich die Bundeskanzlerin noch am gleichen Tage mit dem Helikopter aufgemacht um vor Ort zu sehen, was es von dem zerstörten Zug noch geblieben war - und vielleicht auch den einen oder anderen Moment Zeit zu haben für das Gedenken an die Opfer und für das Beisammensein mit den Hinterbliebenen und traumatisierten Überlebenden.

Angesichts dieser Toten und seelisch wie körperlich Verwundeten dennoch auf die Themen der politischen und wirtschaftlichen Interessen und Folgen zu schauen, ist schwierig und mag aus Scham sogar augeklammert worden sein: Auch dieser Kommentar erscheint erst eine Woche nach diesem Ereignis.

Und dennoch sollte aufgeschrieben werden, was schon am vergangenen schwarzen Freitag aus eigener Sicht sofort mit zu reflektieren gewesen wäre - und hier auf die folgenden zwei Fragen verkürzt wird:


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- War es richtig, dass der Bundesverkehrsminister Herr Wolfgang Tiefensee seinen Aufenthalt in der V.R.-China so unversehens abbrach, um sich sodann nach seinem Rückflug nach Deutschland zu einem Krisengipfel mit den hier potenziell Verantwortlichen zusammenzusetzen? [1]

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- War es richtig, den aus China angereisten Beauftragten in Sachen Magnetschwebetechnik, Herrn Wu Xiangming, vor dem Minister Zugang zum Unglücksort zu gewähren und ihn ohne weitere Begleitung wieder nach China zurückreisen zu lassen?

Aufgrund der eigenen Kenntnis der "chinesischen Verhältnisse" sind zumindest Zweifel angebracht, ob unter den objektiv sicher auch persönlich sehr belastenden Stunden und Tagen nach dem Unfall wirklich die optimalen politisch und wirtschaftlich relevanten Entscheidungen getroffen wurden.

Aber vielleicht sollte man zunächst immer noch die weiteren Stellungnahmen von offizieller Seite abwarten und stattdessen und vorab Bernhard Bartsch aus der von uns abonierten Berliner Zeitung vom 26. September 2006 zitieren, der auf der Seite 1 folgendes Portrait des "Commander Wu" zeichnet:

Dass man in Deutschland bisweilen Angst vor der Wirtschaftsmacht China hat, liegt an Menschen wie Wu Xiangming. Wu ist der Sonderbeauftragte der chinesischen Regierung für die Magnetschwebetechnik. Die Vorstände des Transrapidkonsortiums aus Thyssenkrupp und Siemens erleben ihn seit fünf Jahren als stahlharten Verhandlungspartner. Das erklärt auch den Spitznamen des 67 Jahre alten Ingenieurs: Commander Wu.

Nach dem Unglück im Emsland könnte nun ausgerechnet sein Urteil den Ausschlag dafür geben, ob die Transrapidtechnik noch eine Zukunft hat oder - wie die Concorde nach ihrem Unfall im Juli 2000 - endgültig vor dem Aus steht. Schon diese Woche wollen die chinesischen Behörden darüber beraten, ob die Magnetschwebebahn für die geplanten Verlängerungen der Schanghaier Flughafenstrecke weiterhin in Frage kommt. Die Entscheidung wird maßgeblich von Wu abhängen, der sich vergangene Woche zu Gesprächen in Berlin aufhielt und am Samstag die Unfallstelle besucht hat. Die Termine für die Beratungen standen allerdings schon vor der Katastrophe vom Freitag fest. Denn damit die Strecken zum Weltausstellungsgelände in Schanghai und in die 160 Kilometer entfernte Stadt Hangzhou zur Expo 2010 fertig werden, müssten die Bauarbeiten in den kommenden Monaten beginnen.

Auch ohne die Debatte über die Sicherheit des Transrapid stehen die Chancen nicht besonders gut. Wu, der in der Schanghaier Stadtverwaltung arbeitete, bevor er 2001 mit dem Prestigeprojekt betraut wurde, steht dem Transrapid schon seit dem Bau der Flughafenstrecke kritisch gegenüber. Damals hatte das Konsortium bei den Chinesen viel Vertrauen verspielt, weil es mehrfach falsche Teile lieferte und das Antriebssystem in den ersten Monaten mehrfach zusammenbrach. Fast wäre der Zug sogar bei der Jungfernfahrt zu Silvester 2002 stehen geblieben. Nur Minuten, nachdem die Delegation mit Bundeskanzler Gerhard Schröder und Chinas Premier Zhu Rongji die Wagons verlassen hatte, blieb der Wagen liegen.

Aus diesen Pannen schloss der desillusionierte Wu, dass die Deutschen China keine ausgereifte Technik verkauft hatten, sondern ein System mit Entwicklungsbedarf. Deshalb stellt er für einen Folgeauftrag vier Bedingungen, die den Deutschen allesamt wehtun: Die Baukosten müssen mindestens halbiert werden, das Konsortium soll seine Technologie mit den Chinesen teilen, der größte Teil der Wertschöpfung soll in der Volksrepublik stattfinden und auch an der weiteren internationalen Vermarktung will China beteiligt sein. Andernfalls droht China mit der Entwicklung einer eigenen Magnetschwebebahn.

Allerdings würde ein chinesisches Konkurrenzprodukt frühestens in fünf bis zehn Jahren marktfähig sein - zu spät für den alternden Commander, für den der Transrapid trotz aller Konflikte längst auch zu seinem eigenen Lebenswerk geworden ist.

Anmerkungen

[1Hier der Wortlaut der Presseerklärung des BMVBS vom 22. September 2006 (# 307/206):

Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee ist tief betroffen über das schwere Unglück auf der Transrapidversuchsstrecke im Emsland. Der Minister sprach den Angehörigen sein Beileid aus. Tiefensee, der sich zum Zeitpunkt des Unglücks auf einer China-Reise befand, hat seinen Besuch sofort abgebrochen und ist nach Deutschland gereist, um sich in Lathen selbst ein Bild vom Ausmaß des Unglücks zu verschaffen.

Tiefensee erfuhr von der Katastrophe während seines Besuches beim chinesischen Eisenbahnminister Liu in Peking. Darauf hin sagte er alle weiteren Termine in China ab. Das Programm wäre regulär bis zum 24.September gegangen.

Tiefensee erklärte noch vor seiner Abreise aus Peking:
"Mein tiefes Mitgefühl gilt den Angehörigen und Verletzten. Das ist eine schreckliche Katastrophe. Sie muss schnellstmöglich vollständig aufgeklärt werden. Ich habe einen Krisenstab unter Leitung von Verkehrsstaatssekretär Jörg Hennerkes eingerichtet. Hennerkes wird in Kürze am Unglücksort eintreffen und mich unmittelbar informieren. Morgen Vormittag werde ich selbst vor Ort sein."

Tiefensee sprach aus Peking auch mit der Bundeskanzlerin über das schwere Unglück.


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