Tel Aviv, Tag 2

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 24. Oktober 2018 um 08 Uhr 15 Minuten

 

Der Beitrag zu diesem Tag wird sich von dem des vorangegangenen Tages deutlich unterscheiden. Denn die Frequenz der Gespräche, Eindrücke, Interviews ist hoch. Die Zeit, all das zu verarbeiten, in Worte zu packen, wie die nachfolgenden, oder sogar in Interviews, und das Bemühen, diese auch bald möglichst zu bearbeiten [1] ist knapp, oder, sagen wir es ruhig, kostbar.

Denn schon jetzt, nach gerade einmal zwei Tagen in Tel Aviv, wird klar, was wir uns da zugemutet haben: Schlag auf Schlag mit neuen Eindrücken, Kulturen, Persönlichkeiten konfrontiert zu werden. Und dabei wird das Wort "konfrontiert" hier in einem positiven Sinne verwendet: Die Referenten und Tourbegleiter haben ein hohes Niveau und sind wahrlich bestrebt, uns Zugereisten trotz der Kürze der Zeit einen Einblick in ihre Erfahrungen zu vermitteln, der nicht an der Oberfläche hängen bleibt.

Die Möglichkeit, mit der einen oder anderen von diesen Persönlichkeiten im Nachgang noch ein Gespräch zu führen, in einigen Fällen sogar in Form eines Interviews, ist ein grosses Privileg. Denn, so tief man selbst in dieser kurzen Zeit auch zu gehen vermag, so schnell wird man auch wieder aus dieser Ebene einer weitergehenden Reflexion herausgerissen.

Dabei mag schon stimmen, dass am Ende des Tages - über den hier bislang noch gar nicht berichtet wurde - nicht der eine oder andere Satz von bleibender Bedeutung sein mag, sondern das, was sich nach und nach aus all dem Gesagten als das gemeinsame Ganze "herausamalgamisiert" [2]

Der Versuch, über das Geschehen hier das eine oder andere Protokoll zu führen, wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt, wenn dahinter die Absicht stehen würde, nach draussen berichten zu wollen, was alles hier gesagt wurde. Auch wenn der Wunsch mehr denn je besteht, dieses zu tun, da die hier arrangierten Begegnungen von einer Qualität sind, die gerade dazu herausfordert.

Dennoch wurde schon im Vorfeld entschieden, all das im Verlauf dieser Reise Gesagte nicht kontinuierlich aufzuzeichnen und damit der ausdrücklichen Ansage des Veranstalters nachzukommen, dass es sich hier nicht um eine Journalistenreise handeln würde.

Auf der anderen Seite gibt es bereits an einem einzigen Vormittag wie diesem eine solche Anzahl von zu-treffenden Sätzen, dass von vornherein feststeht, dass die persönliche Aufnahmefähigkeit nicht ausreicht, dem Allen wirklich nachzukommen - und dass man damit auch den ReferentInnen eigentlich nicht wirklich gerecht werden kann.

Jede(r) von diesen ausgesuchten Persönlichkeiten ist ja nicht nur als VertreterIn einer Disziplin, eines Faches anwesend, sondern immer auch als Bürger oder Anverwandte dieses Staates, dieser Gesellschaft, dieser mentalen Binnenstrukturen, die auch sie geprägt haben.

Also gibt es dann doch die Tendenz, auch ohne Mikro möglichst viel von dem festhalten zu können, was einen Eindruck hinterlässt. Allein, so stellt es sich heraus, ist der Autor dieser Zeilen in der gut 20-köpfigen Gruppe der Einzige, der in der gemeinsamen Tafelrunde mit seinem Laptop dabei ist, um mehr zu notieren und fixieren zu können als den einen oder anderen Merksatz.

Wie gesagt, es ist viel zu früh, irgend eine Art von weiterführender Konklusion aufschreiben oder auch nur andeuten zu wollen. Aber es wird schon jetzt deutlich, dass sich die Herausforderung, die die Bürger dieses Landes zu meistern haben, auch ein Stück weit auf uns als Publikum überträgt.

Wie - und mit welchen Folgen - dazu zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht mehr.

WS.

09:30 Uhr bis 12:00 Uhr Panelgespräch: „Welche Institutionen und Faktoren spielen für das
Selbstverständnis Israels eine zentrale Rolle? Warum und wie prägen sie die Gesellschaft?“ (H)

• Bildung: Dr. Adar Cohen*, Bildungsexperte
• Armee: Generalleutnantin a.D. Orit Adato*, Geschäftsführerin Adato Consulting Ltd.
• Medien: Rottem Danon*, Chefredakteur des Magazins LIBERAL

Moderation: Ifat Zamir*, Leiterin der NGO Transparency International Israel

Anschließend Mittagspause

13:30 Uhr bis 17:00 Uhr Exkursion: „Tel Aviv im Wandel der Zeit – Ein Spiegel der Gesellschaft?“ mit Dr. Gil Yaron, Korrespondent Die WELT

13:00 Uhr bis 13:15 Uhr Einführung in die Exkursion 13:30 Uhr Abfahrt
13:30 Uhr bis 17:00 Uhr Exkursion mit unterschiedlichen Stationen in Tel Aviv

Zu diesem Programmpunkt nur so viel: Gil Yaron [3] ist in der Lage, in einer lockeren und didaktisch wohl ausgeklügelten, aber nie zu wissenschaftlich daherkommenden Sprache und Haltung den Grund zu legen für ein Verstehen und Verständnis von Land und Leuten, das seinesgleichen sucht. Die von ihm zur Darstellung gebrachten Themen sind eben nicht "nur" angelernt, sondern auch gelebt - und werden von ihm durch seine Darstellung wiederbelebt. Man kann diese und weitere Beobachtungen in dieser Titelzeile einer hier nicht verfassten Lobhudelei zusammenfassen:
"Axel Springer hätte an ihm seine Freude gehabt.
Nach den TED-Talks: Gil, der König der WALKING-Talks"

Anschließend Rückfahrt zum Hotel

18:30 Uhr Abendessen (H)

19:45 Uhr Abfahrt zur Ozen Bar / The Third Ear

20:15 Uhr bis 22:30 Uhr Filmvorführung und Filmgespräch mit dem Regisseur und Drehbuchautor Samuel Maoz* zu dem Spielfilm „Foxtrot“
Treffpunkt: Ozen Bar / The Third Ear, King George St 48, Tel Aviv

Am Ende des Tages noch ein Interview? Für die Begegnung mit Samuel Maoz wurde ein anderer Weg gewählt. Er wird gebeten, die Begrüssung des Publikums in das eigene Mikro zu sprechen, ohne dass dadurch seine Stimme im Kinoraum verstärkt werden würde. Er ist ein Profi, erklärt dieses besondere Situation seinem Publikum und sagt dann - unter anderem - dieses:

Nach dem Ende des Films gibt es Applaus und eine kurze Pause. Danach fragt er erneut nach dem Mikro, bekommt es aber nicht. Diese Entscheidung war intuitiv, denn er redet ganz offensichtlich gerne mit seinem Körper, vor allem mit seinen Händen, und ein Mikro hätte dabei nur gestört. Daher werden die nachfolgenden Aussagen aus der ersten Reihe mitgeschnitten, wohl wissend, dass die Aufnahmequalität nicht die gleiche sein kann. Dennoch sei aus dieser Konversation zumindest eine exemplarische Aussage zum Thema der zweiten Holocoust-Nachfolgegeneration herausgesucht und an dieser Stelle präsentiert:

Die Gruppensituation hat es nicht ermöglicht, mit ihm noch ein darüber hinausgehendes Gespräch zu führen, in dem auch kritische Elemente angesprochen worden wären. Dennoch an dieser Stelle zumindest eines der prägenden Elemente dieses Films, das als ein grandioses Schau-Bild vom Staat Israel verstanden werden kann.

Es geht um einem Wellblechcontainer. Im Verlauf des Films neigt sich dieser immer mehr zur Seite und droht irgendwann voll und ganz zu kippen. Die vier jungen Soldaten, die darin "wohnen", sind sich dessen durchaus bewusst. Sie lassen, über die Abende verteilt, immer wieder eine Essensdose von der einen Seite auf die andere rollen. Und stellen dann fest, dass die "Rollzeiten", die die Dose für diesen Weg braucht, immer kürzer werden.

Nachdem sie einen Wagen mit vier Unschuldigen mit ihren Maschinengewehrsalven unter Beschuss genommen und die Insassen getötet haben, kommt es schliesslich zur Befragung durch ihren Vorgesetzten, der mit dem Helikopter eingeflogen wird. Dabei setzt sich erneut eine Dose in Laufrichtung der schiefen Ebene dieses Containers in Bewegung. Und schlägt mit einem lauten Knall an dessen anderem Ende an.

Da diese Dose aber keine Handgranate ist, geschieht weiter nichts. Als den jungen Leuten aus ihrem überprüften Auto beim Öffnen des Türschlages eine Bierdose herausgekullert war, wurde ihr Aufprall auf dem Boden als das Aufschlagen einer Handgranate "wahr"-genommen, der Wagen sofort unter Beschuss genommen und das Leben der vier Insassen vernichtet: in einer höheren symbolischen Dichte als dieser kann man die aktuelle Lage des Landes und seiner Befindlichkeiten derzeit kaum zur Darstellung bringen.

Anmerkungen

[1Denn es geht hier ja nicht nur um die Zeit, sich diese Extragespräche zu erbitten, manchmal sogar zu erkämpfen, und diese dann auch zu führen. Es geht auch vor allem um die Zeit, derer es danach bedarf, diese Gespräche auch am virtuellen Schneidetisch soweit zu bearbeiten, dass das Gefragte und Gesagte "gut rüberkommt". Dabei wird nichts gestrichen oder unter den Teppich gekehrt, aber schon dafür gesorgt, dass die GesprächspartnerIn so gut rauskommt, das er oder sie sich auch selber nach dem Interview in eben diesem gerne wieder zuhören mag.
Jede Zustimmung zu einem solchen Gespräch setzt immer auch das Vertrauen gegenüber dem bis dahin persönlich nicht bekannten Autor und Redakteur voraus, dass dieser dafür Sorge trägt, die Person so zur Darstellung zu bringen, wie sie sich auch gerne wahr-nehmen mag.

[2Dieses Konglomerat von Eindrücken ist sicherlich für jeden Einzelnen ein Anderes, dennoch wäre es spannend zu erfahren, in wie weit die spontan zu Beginn vor der Reise genannten Assoziationen in Bezug auf dieses Land am Ende der Reise noch die gleichen sein werden.

[3Das zwischen uns avisierte Gespräch konnte vor Ort nicht geführt werden und könnte Anfang Dezember in Berlin nachgeholt werden. Daher wird sein Name als (potenzieller) Interviewpartner dennoch bereist fett gesetzt.


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