DLR: Sammeln, um sich (ver-)sammeln zu können

VON Dr. Wolf SiegertZUM Samstag Letzte Bearbeitung: 14. August 2018 um 00 Uhr 08 Minutenzum Post-Scriptum

 

Vorgestern haben wir die Frage gestellt:

Viel entscheidender ist die Frage, wer kann sich in der Zeit von 9 und 10 Uhr den Luxus erlauben, eine ganze Stunde Radio zu hören, um zu erfahren, wie sich so ein Mann wie Albert Kitzler mit den wesentlichen Fragen des Lebens auseinandergesetzt hat.

Wenn der Intendant dazu aufruft, sich um und für die wesentlichen Fragen einen Kopf zu machen, die über die aktuelle Nachrichtenlage hinaus von Bedeutung sind, dann ist dieser Ansatz zunächst einmal gut-zu-heissen. Ja, vielleicht sogar zu loben.

Aber es ist in der Tat auch wichtig, das eigene Haus mit den eigenen Strukturen, samt ihrem Rechtsrahmen, damit zu beschäftigen. Denn selbst zu dem von Intendant Raue angesprochenen Fragen nach der Identität, nach Heimat und Nation gibt es ein riesiges Konvolut von Beiträgen, Informationssendungen, Hintergrundsendungen und Kommentaren, die auf solche Themen Bezug nehmen.

Wann also, werden die - endlich - jeweils in einem eigenen Wiki zur Verfügung gestellt? Oder sogar in der Kooperation mit der Wikimedia als Wissenskonglomerat angeboten?

Wenn der Sender wüsste, was man dort schon alles gewusst hat, wenn den Sendeverantwortlichen bewusst wäre, was vor ihrer Zeit schon alles zu diesen Themen geschrieben und gesagt worden ist, dann wird klar: Dieser Aufruf ist auch ein Weckruf an das eigene Haus, ja, in das eigene Haus.

Auch die grundsätzlich richtige Auffassung, dass die AutorInnen von ihrer Arbeit Lohn leben müssen, wird nicht dadurch aus den Angeln gehoben, dass man ihre Beiträgen nochmals in einem solchen thematischen Zusammenhang öffentlich macht.

Es wird dafür sowohl rechtlich als auch finanziell Möglichkeiten geben, diese Ansprüche anzuerkennen und angemessen zu berücksichtigen. Selbst wenn diese eher kleinteiliger Art sind und Gefahr laufen, allzu viel Verwaltungsaufwand zur Folge zu haben. Aber diese Haltung kann nicht die Basis für eine Begründung sein, dass aufgrund solcher Bedenken eine solche thematische Sammlung, Aufbereitung und sekundäre Moderation unmöglich wäre.

Zumindest im eigenen Umfeld wie auch dem des in Berlin durch den Autor vertretenen Journalistenverbandes wäre bei einem kursorischen Durchkämmen der bekannten Frauen und Männer nicht eine Person dabei, die sich grundsätzlich einem solchen Ansatz in den Weg stellten würde.

Wir haben diesen Auftrag etwas plakativ mit der Aufforderung umschrieben: "Sammlungen anlegen, um sich sammeln zu können." Damit ist sowohl das Sich-selbst-Sammeln gemeint, wie es in dem Beitrag vom 2. August 2018 zum Ausdruck gebracht wurde, als auch das Sich-Versammeln, zu dem der Intendant in seiner Ansprache seine HörerInnen aufgerufen hat.

Aus dem Ver-Sender soll ein Versammler werden. Aus dem Rundfunk, der endlich mit seinem FUNK-Programm seiner Aufgabe wieder alle Ehre macht [1] [2], wird ein Dialogpartner und Ratgeber, aus dessen Reflexionen, jenseits der Nachrichten und Verkehrsmeldungen, Funken geschlagen werden, um die HörerInnen anzufeuern, ihren eigenen Prozess der Auseinandersetzung mit sich selbst und der Welt voranzutreiben.

P.S.

Auch an diesem Tag gibt es gleich mehrere Beiträge, die sich anzuhören wirklich lohnen:

- Erfahrungen an Schauspielschulen
"Jeder einzelne Muskel ist gefordert"
Antonia Scharl (Berlin) und Jannik Mühlenweg (Stuttgart) am Ende ihrer dreijährigen Ausbildungszeit im Gespräch mit André Mumot

- Das Gespräch von Patrick mit dem Locarno- und zukünftigen Berlinale-Chef Carlo Chatrian.

- Das Feature über den Club SO 36 als Freiraum und Gesamtkunstwerk

- We love Israel von Noam Brusilovsky und Ofer Waldman
Mit Stephan Wolf-Schoenburg, Orit Nahimas, Jerry Hoffman, Anna Stieblich, Aviva Joel, Dor Aloni, Tobias Herzberg, Jeff Willbusch, Manfred Hess, Noam Brusilovsky, Ofer Waldman u.v.a.
Produktion: SWR 2018
Länge: 106’30

Anmerkungen

[1Da gibt es dann auch schon ganz konkrete, wenn auch so vielleicht nicht erwartete Antworten auf die Frage nach der "Heimat", wenn es heisst: "In den letzten Wochen und Monaten haben wir an einem neuen Konzept für unsere digitale Heimat gearbeitet..."

[2

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