A (Precht-Kritik)

VON Dr. Wolf SiegertZUM Donnerstag Letzte Bearbeitung: 13. Juli 2018 um 23 Uhr 33 Minuten

 

Urlaub auf Föhr: Tag 6

Am Nachmittag dieses - wiederum von der Sonne verwöhnten - Tages war das erste Buch voll und ganz ausgelesen, mit vielen Unterstreichungen, Anmerkungen und Referenzen versehen [1].

Und die Urlaubszeit erlaubt es, in diesem Falle einmal öffentlich über diese Lektüre-Erfahrung auch Zeugnis abzulegen unter dem Titel und Leitgedanken:

Die Sehnsucht nach einer – schon vergangenen – Zukunft

0.

Es geht in diesem Text um ein Buch, das auf der diesjähigen re:publica in Berlin erworben wurde. Es wurde im grossen Mittelfoyer an einem der von den Firmen und Institutionen gemieteten Ständen verkauft. Und dort auch vom Autor signiert: Richard David Precht. Er hatte zuvor auf einem der Foren zum Thema der Digitalisierung Stellung genommen [2]. Und danach dort zusammen mit seiner Neuerscheinung von „Jäger, Hirten, Kritiker“ auch seine Unterschrift für den Buchkauf angeboten.

Allein, auf die an ihn gestellte Frage, was er denn als die nächste grosse Herausforderung nach der Digitalisierung sehen würde, geriet er ins Stocken und meinte, darauf noch keine Antwort zu haben. Dieses jetzt von ihm behandelte Thema würde ihn noch gut und gerne fünfzig Jahre beschäftigen.

Die Antwort kam eher unwirsch, fast lästig ob des Umstandes, dass da jemand von ihm in diesem Moment des Abfeierns seiner Bedeutungshaftigkeit noch mehr erhaschen wolle, als was der Moment gerade mal herzugeben bereit war – und so unterliess ich es, um eine Signatur zu bitten, kaufte das Buch. Und nahm es einige Monates später mit in den Urlaub.

Dass dieses Buch jetzt ohne diese Signatur des Autors gelesen wurde, stellt sich als ein Vorteil, ja, als ein Glücksfall heraus. Denn es macht den Zugang zu diesem Text einfacher und erlaubt es umso eher, daraus auch für einen selbst Überlegungen abzuleiten, ja, Konsequenzen zu ziehen, die von Bedeutung sind.

1.

Von Bedeutung ist erstens, dass dieses ein weiteres einer ganzen Reihe von Büchern ist, in denen die Autoren als „Ich“-Personen auftreten und auch über sich selber schreiben. Zuletzt war das schon in dem auf der CEBIT [3] signierte Buch von Lanier „Dawn of the New Everything: Encounters with Reality and Virtual Reality“ der Fall, das zwar schon zuvor im eigenen Besitz war, aber dort von ihm signiert wurde. Und in dem der Autor sehr deutlich aus der „Ich“-Perspektive seine Erfahrungen mit einem Phänomen beschreibt, das wir heute zusammen mit ihm als die Virtuelle Realität benennen würden.

Auch Precht schreibt aus dieser Perspektive. Mehr noch, auch er baut in seinen Texten durchaus eigene Erfahrungen ein, die er aufgrund der Durchdringung der digitalen Infrastrukturen gemacht hat. Als Sammler von alten Büchern liebt(e) er es, irgendwo auf der Welt durch Antiquariate zu streifen und zufällig etwas zu finden, wonach er so zielgerichtet zuvor nicht einmal zu suchen gehofft hatte. Und er leitet daraus den Satz ab: „Unübersichtlichkeit weckt die Entdeckerfreude“ (177).
Ein solcher Satz – und es gibt davon wahrlich noch eine gute weitere Auswahl – macht Freude. In ihm sind das grosse Ansinnen seiner Arbeit und das ganz Individuelle der Persönlichkeit miteinander verwoben. Und zugleich spricht hier die Binsenweisheit „nomen est omen“. Es ist die Opposition gegen die eindeutige Positionierung in einer Welt, die zunehmend vermessbar, mit Daten erfassbar und doch für den Mit-Menschen immer weniger er-fassbar erscheint.

Precht will diesen Phänomenen auf den Grund gehen, und zögert nicht, dafür auch Bilder, Szenen und Film-Sequenzen aus unserer unmittelbaren Umgebung zu zitieren. Das macht ihn verständlich und verstehbar, was er aufzeigen will.

2.

Da zweite, was an dieser Lektüre besonders ist: Hier erscheint ein Buch im Jahr 2018, im gleichen Jahr, in dem es geschrieben wurde. Auch das ist eine Erfahrung, die sich dem hier schreibenden Leser so nicht offenbart hat: ein Zeitungsartikel, ja, ein Zeitschriftenaufsatz oder ein Magazinbeitrag. Aber hier ist es ein Buch: Ein Buch aus diesem Jahr und für dieses Jahr.

Das ist eine neue Erfahrung – zumindest aus der Sicht des Rezipienten. Sie wirbelt bei ihm vieles durcheinander, nämlich, dass ein Buch etwas sein kann, in dem wichtige „Wahrheiten“ für die „Ewigkeit“ niedergeschrieben und damit zur Wiedervorlage für die nachwachsenden Generationen aufbewahrt werden.
Das mag dumm, altertümlich, und was-weiss-nicht-ich-was klingen… und doch: Es bleibt oft genug bei der Lektüre eines „richtigen“ Buches die mental angelegte Konnotation an jene Schriften, an denen sich Menschen ihr ganzes Leben, ja, ganze Generationen lang festhalten, daran orientieren, die sie zum Leitstern ihres Lebens machen.

In der Precht’schen Lektüre werden stattdessen Bücher über Bücher zitiert, in denen steht, wie andere Menschen – zumeist Männer – die „Welt“ sehen, über die er hier schreibt. Und es ist gut, wenn er am Ende seines Buches nochmals ein Reihe von Literaturempfehlungen zusammenstellt. Zu Lasten eines Indexverzeichnisses, in dem nochmals alle zitierten Namen hätten aufgereiht werden können [4].

3.

Precht zu lesen ist dann von Vorteil, wenn man nicht die Zeit oder die Geduld hatte, all das vorab zu konsumieren, was einem eh‘ entgangen ist oder was man nicht die Zeit hatte, selber zu lesen. Er nimmt die bei der Hand, fabuliert fleissig vor sich hin, entwirft und verwirft Projekte und Perspektiven, um dann von einem Deutschland der Zukunft zu träumen, das „einmal tatsächlich das Land der Dichter und Denker sein würde“. Schliesslich würde uns das Schema „‘Problem‘ und ‚Lösung‘“ in vielen Fragen menschlicher Kreativität nicht weiterbringen. Und er spitzt das Ganze in dem Ausrufezeichensatz zu: „Alle reden von Lösungen – Philosophen nicht!“ (181).

Und doch verlangt er eben diese Veränderungen … von „der Politik“, der er mit dem Wort von der „Selbstverzwergung“ (255) ein Armuts-Zeugnis ausstellt und sie auffordert, sich doch den Einsichten und Empfehlungen seines Buches anzunehmen, um so ihrem „‘pragmatischen Schlummer‘“ (255) zu entkommen. [5] Die im Bundestag vertretenen Parteien seinen durch die Bank weg „Schlafwandler, beschäftigt vor allem mit sich und hilflos im Blick auf die Zukunft“.

Also einer der letzten Aufklärer in einem Zeitalter ihres Unterganges? In seinen „Nachtgedanken“ – ein hübsche Verknüpfung zwischen dem „Nachdenken“ und den „Nachtgedanken“ eines Heinrich Heine oder eines C.G. Jung [6] – beginnt der letzte Absatz mit der Zeile: „Der Nährboden für den Pessimismus ist gut und reichhaltig gedüngt“ (269), um sodann mit noch so einem Ausrufezeichensatz zu schliessen, der da lautet: „Pessimismus ist keine Lösung! [7].

Das Fatale an diesem Buch ist nicht der wohl-durchdachte und -dosierte Kampf gegen den Fatalismus, das Fatale ist auch nicht das Plädoyer für eine Wiederbelebung des visionären Geistes einer Utopie. Das Fatale ist, dass er sich wieder auf jene Muster zurückbesinnen will wie jenes von Deutschland als einem Land der Dichter und Denker. Ein Land, dessen grösste Tragik von wahrhaft historischer Dimension darin lag – und liegt –, dass trotz all dieser Geistesgrössen und den von diesen formulierten und in den Schulen eingepaukten Ansichten und Einsichten die Verführung in und durch das sogenannte „Dritte Reich“ dennoch geschehen konnte. Mit all ihren – für die Menschen heute kaum noch vorstellbaren – Konsequenzen .
In Prechts Buch ist stattdessen mit Verweis auf Richard Sennet von einem „‘mp3-Kapitalisums‘“ (123) die Rede. Und als negatives Gegenmodell zur Wiedererlangung der Qualitäten eines Dichter-und-Denker-Landes durch einen „‘Reanalogisierungsbeauftragte(n)‘“ (183) ist in einem weiteren Ausrufezeichensatz von dem Land der „Gammler und Gamer“ die Rede.
Auch das ist R.D. Precht, im Original, auf Seite 180.

4.

Aldous Huxley’s 1932 erschienener dystopischer Roman erschien in Deutschland nur ein Jahr später unter dem Titel: „Schöne neue Welt“, während sein Original mit „Brave New World“ überschrieben ist.

Hintergrund einer solchen Interpretation dieses Titels ist die Schlegel-Tiecksche Übersetzung aus Shakespeares Sturm. In der „natürlich“ auf das Schöne, Wahre und Gute des Menschen zurückgegriffen wird, der mit dieser Maxime auch die geistige Matrix jenes Jahrhunderts zu erfassen sucht. Dass mit dem Begriff „Brave“ im modernen Englisch mehr gemeint ist als eben „nur“ das Schöne, zeigt zugleich, in wie weit die Kontemplation selbst in den Modus eines aktiven Handelns überführt wurde.

« Les utopies sont réalisables. La vie marche vers les utopies. Et peut-être un siècle nouveau commence-t-il, un siècle où les intellectuels et la classe cultivée rêveront aux moyens d’éviter les utopies et de retourner à une société non utopique, moins parfaite et plus libre. »

Unter anderen mit diese Zeilen des russischen Philosophen Nikolai Alexandrowitsch Berdjajew beginnt der Roman Huxley’s, und diese Idee liest sich wie ein Gegenentwurf zu den Nachtgedanken: Nein, nicht die Utopien sind das Problem, sondern die Herausforderungen an die Intellektuellen und kultivierten Menschen eines neuen Zeitalters, die Welt als eine reale Herausforderung meistern zu können, jenseits von dem Streben nach Perfektion und in dem Erleben dessen, was Freiheit wirklich bedeuten kann.

5.

Anstatt jetzt die Precht-Exegese seiner Literatur-Exegese zu betreiben – wir haben ja gerade schon eingangs darauf hingewiesen, dass dieses Buch eben nicht als ein „Buch der Bücher“ gelesen werden solle, obwohl vieles darin darauf hinweist, dass eben dies antizipiert wird – anstatt uns dieser durchaus verlockenden Arbeit zu unterziehen, findet sich in Prechts Nachtgedanken ein weiterer Satz, der dann doch wieder auf den Menschen und sein ureigenstes Memento verweist, wenn dort geschrieben steht: „Wie oft ist das, was in der Maske einer Antwort daherkommt, in Wirklichkeit eine Frage.“

Was für ein grosser, artiger und auf gewisse Art und Weise auch ehrlicher Satz: Precht, aufbauend auf der Erkenntnis zwischen Sein und Bewusstsein, erklärt das Leben im Spannungsfeld zwischen Sein und Design. Der Philosoph tagträumt in seinem Buch davon, ein Künstler sein zu dürfen, „die Formel der Erfahrung zu sprengen und Aufstand gegen die kulturelle Norm zu sein“ (179).

Kaum war Huxley’s Buch ins Deutsche übersetzt, stand es auch schon auf der Liste der verbotenen Schriften. Würde Prechts Buch ins Amerikanische übersetzt werden, würde es dann auch im Silicon Valley am Pranger stehen? Seine Anwürfe gegen die Eliten, die sich mit ihm die Bühnen und Panels dieser Republik teilen, sind im Vergleich dazu harmlos: Er wirft ihnen allenfalls vor, die Podien mit „biederen Tipps zu mehr Wachstum und Unternehmensgeist“ zu beherrschen (107) und zeigt auch das Vexierbild eines willfährigen Trittbrettfahres und „ewigen Commis Voyageurs: Wie sie in bunten Sneaker auf den Bühnen standen, mit laubgrüner Brille zur Glatze, das lässige Sweatshirt über der weichen Wampe…“ (65).

Wow! Denn zugleich zeigt Precht auch Verständnis für sein Publikum: jene ergrauten Wölfe, wie er sie nennt, „die schon viel Schnee gesehen haben und die sich den Berufsoptimismus der Technik-Gurus nicht länger anhören wollen“ (85). Dieser Satz endet mit einem Fragezeichen und setzt im weiteren Verlauf mit einer sehr treffenden Analyse des Befremdens ein, das von Vielen und Vielerorts den Verkündigungen aus der digitalen neuen Welt entgegengebracht wird.

6.

Jetzt, an dieser Stelle, wo es eigentlich erst richtig losgehen müsste, brechen wir mit diesen ersten Eindrücken ab: Denn jetzt wäre es auf der einen Seite wichtig, dieses Buch nochmals en detail zur kritischen Kenntnis nachzuerzählen und dabei auf der anderen Seite auf die entscheidende Krux all dieser Seiten zu verweisen. Sie spiegeln die Sehnsucht einer – wenn auch wahrlich nicht vollkommenen – alten analogen Welt wieder, die sich nur mit Mühe und Not in die neue digitale wird transportieren, in diese wird transformieren lassen.

Es wird darum gehen zu entdecken, was die „Gammler und Gamer“ in dieser neuen Welt gefunden – und was sie verloren haben. Die einen – so scheint es – stellen ihr Leben selbst als scheinbar zeitlose Erfahrung zur Disposition. Die anderen spielen um ihr Leben - bis in den Tod. Und können sich nach einem solch jähen digitalen Ende auf Knopfdruck einer neuen Existenz vergegenwärtigen.

Und so haben auch sie ein Mitspracherecht an dieser Utopie: sei es als Auguren der Entschleunigung, sei es als Serious-Games-Designer. In Rollen und Funktionen wie – beispielsweise – diesen, haben sie genau so das Recht zur Mitwirkung. Und nicht nur in Bezug auf das von Precht eingeforderte BGE’s, ein Bedingungslosen Grundeinkommens.

7.

Zu guter Letzt diese Frage des hier besprochenen lesenden Geistes-Arbeiters, in der "in Wirklichkeit" auch (s)eine Antwort innewohnen mag:

"In der Geschichte der Menschheit diente die Kultur dem Leben und die Technik dem Überleben. Heute bestimmt die Technik unser Leben, aber welche Kultur sichert unser Überleben?"

Anmerkungen

[1...wozu nach wie vor in der Kindle-Lektüre kaum die entsprechenden Mittel / Tools zur Verfügung gestellt werden.

[4... eine Arbeit, die noch bei der eigenen Dissertation aus einer Vielzahl von Karteikarten heraus geschrieben werden musste – lang ist es her. Und doch ist es nur eine vergleichsweise kurze Zeit, in der das heute nun „Gott“ sei Dank nicht mehr nötig ist.

[5Weitere Ansagen in diese Richtung: Siehe Seite 12, 39, 98 und, falls das Buch wirklich bis zum (bitteren?) Ende gelesen wurde, auf Seite 260.

[6...oder in der Sendung gleichen Namens des Hessischen Rundfunks in der zweiten Hälfte der 80er Jahre…

[7Im eigenen Regelwerk für diese Online-Publikation werden nur Texte kursiv eingesetzt, die aus einer anderen Sprachwelt als der deutschen stammen. Bei Precht dagegen werden solche Worte und/oder Sätze kursiv gestellt, die ihm besonders wichtig sind. Da hier ein kursiv gesetztes Wort zitiert wird, wird auch dieses hier als kursiv wiedergegeben.


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